Rückblicke:
Erzählkino

Lauschen. Eintauchen. Dabeisein
Kino für die Ohren: „Erzählkino“ feiert sehr erfolgreiche Premiere in Erder Die Kalletaler Wortakrobaten e.V. begeistern knapp 50 Zuschauer mit einer tiefgründigen, demokratisch entwickelten Inszenierung von George Orwells Klassiker „Farm der Tiere“.
Kalletal-Erder. Der Duft von frischem Popcorn lag in der Luft, als die Besucher das Dorfgemeinschaftshaus in Erder betraten. Doch statt einer großen Leinwand und Hollywood-Blockbustern erwartete das Publikum ein gänzlich neues Kulturformat, das die Fantasie auf ganz andere Weise entfachte: Der Verein „Kalletaler Wortakrobaten e.V.“ feierte die erfolgreiche Premiere seines 1. Erzählkinos. Vor knapp 50 gebannten Zuhörerinnen und Zuhörern erweckten die Sprachkünstler George Orwells zeitlosen Klassiker „Farm der Tiere“ zum Leben – und bewiesen, dass das intensivste Kino im eigenen Kopf entsteht.
Das multisensorische Erlebnis begann schon vor dem ersten gesprochenen Wort mit eben jenem Popcornduft, der die Gäste sofort in authentische Kinoatmosphäre versetzte. Nach einem augenzwinkernd inszenierten „Werbeblock“ folgte ein weiteres echtes Kino-Highlight: Den Zuschauern wurde traditionelles Eiskonfekt gereicht – eben „Kino at its best“, noch bevor das eigentliche Stück begann.
Das Konzept des Abends verzichtete bewusst auf traditionelles Schauspiel oder das klassische Sprechen in festen Rollen. Stattdessen teilten die fünf Erzählerinnen und Erzähler die Figuren und narrativen Ebenen untereinander auf, um die Geschichte als dynamisches Kollektiv zum Leben zu erwecken. Unterstützt durch ein bewusst spartanisch gehaltenes Bühnenbild – zwei dezente rote Vorhänge an den Seiten und eine helle Projektionsfläche in der Mitte, auf der gelegentlich die berühmten Gebote der Tierfarm eingeblendet wurden – blieb maximaler Raum für die eigenen inneren Bilder des Publikums. Auch Requisiten und Kleidung wurden nur minimalistisch eingesetzt, sodass jeder im Saal seine ganz eigene Interpretation erleben konnte.
Die fünf Stimmen des Erzählkinos:
Der Chronist (Joachim Hettich): Führte mit ruhiger Stimme und einem feinen, leichten Spott in der Sprache souverän durch die Zeitsprünge und plötzlichen Situationswendungen.
Die Stimme der Vision (Heidrun Spanier): Erhaben und elegant, verlieh sie den Idealen der Farm eine klare Aussage und mahnte vorwurfsvoll, sobald die Vision in Gefahr geriet.
Die Stimme der Macht (Ricarda Koch): Wild nach der Macht strebend, dominant im Auftreten und äußerst lebendig im Ausdruck, ließ sie sich zu keinem Zeitpunkt von ihrem Ziel beirren.
Das Herz der Arbeit (Andreas Dießner): Eine tief berührende, realistische Darstellung des Volkes mit all seinen Stärken und Schwächen. Gefangen zwischen Last, Mühe und der vermeintlichen Pflicht, „noch härter zu arbeiten“, agierte er sensibel, pflichtbewusst und im ständigen Zwiespalt, ob er das Richtige tut.
Der zynische Beobachter (Helga Kastl): Beobachtete das Geschehen an markanten Stellen mit einem echten Fernglas. Sie stellte die Hoffnungslosigkeit des Zynikers und die „Es ändert sich ja doch nichts“-Mentalität klar in den Raum – eine Rolle mit hohem Realitätsbezug, denn der Zynismus überlebt letztlich alles.
Für die passende, hochemotionale Atmosphäre sorgte eine imposante Lichtinstallation der Firma Emotions aus Bad Salzuflen. Dustin Lange und Andreas Koch schufen eine feine visuelle Umgebung, in der Emotionen und dramatische Situationen lichttechnisch perfekt auflebten. Die akustische Kinoleinwand gestaltete das Lemgoer Musiker-Duo Claudia und Thorsten Kosakewitsch: Ihre Filmmusik wirkte streckenweise feinfühlig begleitend, setzte jedoch an entscheidenden Stellen gezielte, satirische Akzente.
Das Projekt ist das Ergebnis eines konsequent demokratischen Prozesses. Die ursprüngliche Idee stammt von Lothar Schröer, der den Impuls in den Verein einbrachte. Schröer und das gesamte Ensemble entwickelte daraufhin das Textgerüst und die Inszenierung in gemeinschaftlicher Teamarbeit – ganz ohne autoritäre Regie. Passend zum Orwell’schen Kontext betonte das Team: „Demokratie ist ein Muskel” – und Muskeln wollen trainiert sein.
Dieses Training galt auch für das Publikum im voll besetzten Dorfgemeinschaftshaus. Die Zuschauer wurden aktiv in das rund 90-minütige Event eingebunden, stimmten kraftvoll in das Revolutionslied „Tiere Englands“ ein und übernahmen lautstark blökend die Rolle der Schafe. Das Publikum belohnte den Abend schließlich mit anhaltendem, starkem Beifall und begeisterten Zwischenrufen.
Ein besonderer Dank des Vereins gilt den Partnern, ohne deren Unterstützung dieses innovative Projekt nicht realisierbar gewesen wäre. Die Veranstaltung wurde als maßgeblicher Förderer unterstützt durch Lippe impuls - Finke-Stiftung sowie durch die Firma Emotions aus Bad Salzuflen für die hervorragende lichtechnische Ausstattung.
Es gäbe noch viel zu berichten – am besten ist es jedoch, künftig genau darauf zu achten, wann das nächste Erzählkino der Kalletaler Wortakrobaten stattfindet und wo die „Farm der Tiere“ in dieser Version noch einmal zu sehen sein wird.











